Sonntag, April 26, 2015

Kommentar: Europas Perspektiven...

Am 24.04.2015 konnte man in Prag ein faszinierendes Schauspiel bewundern. Ein amerikanischer Konvoy bestehend aus alten Willys Jeeps fuhr durch die Altstadt am Fuße der Prager Burg entlang. Von einigen Jeeps hallte "Das sternenbesetzte Banner" aus alten Lautsprechern. Nette ältere Damen winkten den Menschen am Straßenrand zu und ein Zigarre rauchender Herr in der Uniform eines US Kolonel fuhr voller Stolz selbst einen der Willys an den verwirrten Touristen vorbei. Schließlich kam der Konvoy an der amerikanischen Botschaft zum stehen und reihte sich auf.


Nach der Aufstellung, begann das bekannte Ritual moderner US-Politkultur. Die Flagge wurde ordnungsgemäß entfaltet, an einem Mast fixiert und unter dem Klang der Nationalhymne gehisst. Das Schauspiel betrachtend, kann man kaum mehr als Dankbarkeit dafür empfinden, dass damals vor 70 Jahren die Alliierten Beistand durch die USA erhielten und es durch gemeinsame Kraftanstrengung gelang, die Nazis aus Europa zu vertreiben.



Aber warum das ganze Spektakel in Prag? Prag von den Nazis befreien ist ja eine nette Idee, allerdings wären sie dann 70 Jahre zu spät. Denn am 05. Mai waren es nicht die Alliierten oder die Sowjets die Prag befreiten, es war vielmehr eine Radiosendung und der folgende Aufruhr der als "Prager Aufstand" in die Geschichte einging, unter welchem sich Prag selbst befreite. -> Link: radio.sz
Das sollte der US Botschafter Andrew H. Schapiro als Sohn einer Tschechin ja eigentlich wissen, schließlich verlinkt er in seinem Twitterprofil die Einreisebewilligung seiner Mutter. Damals ausgestellt durch die US Botschaft in Prag:
Leider vergaß er an diesem Tag die Geschichte und feierte die USA und nicht die Prager Bevölkerung und die Tscheschen allgemein. So sprach er als Botschafter dann auch die Worte, "The American soldiers did not come to conquer your country, but to fight for ideals and values - freedom, democracy and security.".
Der selbe Mann hatte noch vor einigen Tagen den tschechischen Ministerpräsidenten dafür gerügt, dass dieser zu einer ähnlichen Veranstaltung nach Moskau reisen wolle.
Hierzu das Statement des Botschafters: -> Link US Botschaft
Die Reaktion folgte prompt. Milos Zeman sprach ein Hausverbot für den US Botschafter aus, eine trotzige Reaktion die wohl auch die Genervtheit der Tscheschen widerspiegelt. Genervt von der Intervention der USA in die Angelegenheiten der Osteuropäischen Staaten: -> Link: Telegraph
Und so hatte auch diese Veranstaltung eine gewisse Opposition. Sie zeigte sich in einem Plakat, gehalten vom Mann im Hintergrund des Botschafters. Angesichts der Parade erweckt es weniger den Eindruck von pro-russischer Propaganda, als das es den Wunsch nach mehr Souveränität und einem gewissen Respekt gegenüber dem Volk und dem Staat der Tscheschen wiederspiegelt.




Ist das wirklich die Perspektive Europas? Muss sich jedes kleine Land in Europa wirklich entscheiden? Entscheiden zwischen den beiden kalten Kriegern Russland bzw. der USA ? Hat Europa keine eigene Perspektive für die Zukunft, als dass es sich von den Interessen der großen Weltmächte spalten lässt? Gerade durch die Geschichte der Tscheschen wird es einem schwer fallen eine große Liebe für Russland, für Deutschland oder die USA zu finden. Aber was nach einigen Tagen im Herzen Prags jedem auffallen muss! Die Tscheschen sind vor allem eines, Europäer.