Ariakans Blog

Samstag, Dezember 06, 2008

Hirschbrunft

Ein kalter Nebel lag über den Tälern der Eifel. Die Hochwiesen waren von erstem zarten Raureif gekrönt, die Sonne trug nur langsam die Wärme des Spätsommers heran und in den Wäldern konnte man die Hirsche bei der Brunft belauschen. Das Ende des Septembers ist seit je her die friedvollste Zeit in der Eifel. Das letzte Heu ist Eingefahren, die Kühe genießen die letzten Wochen im Freien, die Gärten sind leer und die Keller gefüllt mit allerlei Eingemachtem. In den Wäldern der Eifel herrscht gerade Schonzeit, um die Hirschbrunft nach Möglichkeit nicht zu stören. Es ist die große Zeit der Tiere,denn kaum ein Mensch verirrt sich um diese Zeit in den Wald. Es gibt natürlich Führungen von den Rangern im Nationalpark zu ausgewählten Plätzen wo sich die Hirsche treffen und Frühaufsteher, Naturfreunde und Rentner tummeln sich auf den Wanderwegen im neuen Nationalpark Eifel. Zur selben Zeit ist ein anderes Gebiet in der Eifel jedoch menschenleer. Es ist der Wald zwischen den kleinen Dörfern Udenbreth und Losheimer Graben. Dieser Wald, der zum Deutsch-Belgischen Naturpark gehört, wird durchschnitten von der Bundesstraße 265 und teilt den Wald in einen belgischen und einen deutschen Teil auf.

Die Geschehnisse die berichtet werden müssen, spielten sich im Umfeld eben dieser Bundesstraße 265 ab. Es war ein kühler Septembermorgen als Erhardt Hanf seinen alten Mercedes 190d über die B265 in Richtung Losheimer Graben lenkte. Wie jeden Samstagmorgen, wollte er auch an diesem in Belgien nahe Losheim tanken. Der Diesel war schließlich um einiges billiger als in Deutschland und die sprachliche Nähe zwischen Eiflern auf beiden Seiten der Grenze hatte ein langes vertrauensvolles wirtschaftliches Zusammenleben geformt. Seit dem Niedergang des 3. Reiches hatten die deutschen Eifler zunächst durch Schmuggel, später durch halb legale Kaffeefahrten die Deutsche Mark in die Region getragen. Immer waren sie dabei dankbar und freundlich von den deutschen Belgiern aufgenommen worden. Seit der Öffnung der Grenzen und des neuen europäischen Binnenmarktes war es zwar kein Abenteuer mehr in Belgien Kaffee einzukaufen und die Eifler litten unter den unerhörhten Preiserhöhungen der Belgier, aber Traditionen werden in der Eifel gehegt und gepflegt. So setzte auch der 67 jährige Erhardt Hanf diese Tradition fort. An diesem Morgen jedoch, sollte alles anders als geplant kommen. Erhardt fuhr gerade auf eine langgezogene Linkskurve zu, als er zu seiner linken einen Schatten im Wald bemerkte. Er drosselte seinen Wagen und schaute genauer in den Wald, schließlich war es die Zeit der Hirschbrunft und Erhardt wollte sich kein wildes Tier entgehen lassen. Der Schatten war jedoch schneller als die Augen des alten Mannes und so gab Erhardt resigniert seinem alten Mercedes die Sporen.

Der Schatten starrte dem schwarz rauchenden Auto nach und erst als der Wagen die lange Kurve passiert hatte kreuzte er die Straße und verschwand im belgischen Teil des Waldes. Immer tiefer glitt der Schatten in den Wald, streifte sterbende Bäume und erfrorenes Getier bis er schließlich an einem der letzten erhaltenen Bunker der Siegfried-Linie inne hielt. Es war einer der verschollenen Bunker. Niemand hatte ihn bisher entdeckt und das würde auch so bleiben befand der Schatten. Die meisten der alten Bunkeranlagen waren nach dem 2.Weltkrieg zunächst von der Zivilbevölkerung geplündert und anschließend von den Besatzungstruppen gesprengt worden. Doch der vermeintlichen Genialität eines bösartigen Regiemes war es zu verdanken, dass die mehrfach über den Haufen geworfenen Pläne des "Westwalls" einige Bunker entstehen ließen, die heute auf keiner Karte mehr verzeichnet sind. Als 1944 das Ende nahte und die letzte mögliche Verteidigungslinie bezogen werden sollte, fehlten teilweise sogar die Schlüssel für die Bunker, niemand wusste mehr wo sie waren. So hatte der Schatten hier seit Jahren ein unentdecktes Versteck. Müde von der Anstrengung lehnte er sich an die Innenseite der schweren Eingangstür und seufzte erschöpft. Blut rann von seinen Unterarmen hinab, tropfte über die schwarze Hose hinab auf den staubigen Boden des Bunkers. Er hasste diesen Teil, doch es musste getan werden. Behend zog der sich in den Lüftungsschacht im ersten Raum des Bunkers, die Leiche die er bis eben noch auf seinem Rücken gebunden hatte zog er an einem Seil hinter sich in den Lüftungsschacht. Der Bunker war nach dem Bau versiegelt worden und so konnte man lediglich über den Lüftungsschaft die hinteren Räume erreichen. Der Schatten warf die Leiche aus dem Lüftungsschaft herraus in die Schwärze des Raums, keuchte und folgte dem Blutgeruch in den dunklen Raum. Es roch nach einer Mischung aus Fleisch, Schweiß und scharfem bissigen Rauch.

"Das macht dann 43 Euro und 97 Cent, bitte." "Wat säste ? 43 Euro ? Dat sin ja 86 Mark! Man wat is der Sprit düh jehre. Da komm he häste fufzich, jeff mehr acht und mir sin früngde." "Äh ja, also ähm. Sie bekommen 7 Euro und 3 Cent zurück, hier bitte." "Watt fü ne Labbes bis du dann ? Du wirkst och noch net lang he, wa ?" "Aehm nein, ich bin neu hier. Schülerjob." "Ach jo, weßte ich kuhn alt singk sechzich johr alt immer her. Ich könnt dir vann dennen Schmuggler jet verzelle. Do häfste de Driss bis ungert de Uhre stohn, Jüngelche, ever ich han ken Zigt, so mach et joot." "Auf Wiedersehen. Schönes Wochenende." Kopfschüttelnd schaute der etwas picklige Junge dem alten Erhardt nach. Das würde was werden, wenn hier jeder Kunde so ein wirres Deutsch redete. Doch der Eifler hatte ihn nicht beschissen wie sein Chef ihn vorher gewarnt hatte. 8 Euro hatte er gewollt, doch schließliche waren es nur 7 Euro und 3 Cent gewesen. "Oh, nein. So ein Mist", fluchend rechnete der Junge den Betrag ein drittes mal nach. Er hatte sich beim ersten Mal verrechnet und dieser dreiste alte Mann hatte einfach einen noch höheren Betrag als Rückgeld gefordert. "So ein mieser Trick, dieser grässliche alte Mann. Was sage ich nur meinem Chef ? Vielleicht sollte ich den Euro einfach selbst in die Kasse legen!?" Mit einem breiten Grinsen stieg Erhardt in seinen alten Mercedes 190d und startete den Motor. "Dem han ich de Zahle um de Kopp jeschmisse, wa ?" Glücklich über den ergaunerten Euro fuhr Erhardt zurück auf die Bundesstraße Richtung Udenbreth. "Un jetz noch en Hiirsch und der Dach kan anfange." Als Erhardt die nun langgezogene Rechtskurve erreichte drosselte er die Geschwindigkeit seines Mercedes und schaltet in den ersten Gang. Der Schatten von eben konnte schließlich noch immer da sein und er wollte sich den vermeintlichen Hirsch nicht entgehen lassen. Der Blick des alten Mannes streifte durch die Baumreihen, immer und immer wieder, doch er konnte nichts entdecken. Gerade als der alte Mann wieder in den zweiten Gang schalten wollte sah er es. "Wat is dat dann ? Do hät wer en Jack ob nem Bom hänge losse." Der Mercedes stoppte. Der alte Mann zog sich langsam und etwas stöhnend aus dem großen Auto heraus und ging um das Fahrzeug herum, über die Leitplanke auf einen kleinen Baum zu über dem eine dunkelgrüne Jacke hing. Schon beim näherkommen stockte dem alten Mann der Atem. "Datt, datt, datt, datt is doch Bloot!" Überall um die Jacke herum lagen Innereien und Blut verteilt. Überall waren blutgetränkte niedergetrampelte Farne. Ein blutiges Loch inmitten des sonst grünen Waldes. Am Fuß des kleinen Baumes lag eine blutige Axt, direkt unter der dunkelgrünen Jacke.

Der Schatten zog sich zurück durch den Lüftungsschaft, Schweiß rann über seine Stirn und die Wut über seinen Fehler machte ihn rasend. Er hatte seine Jacke und die Axt vergessen. Dieser alte Mercedes hatte ihn so sehr abgelenkt, dass er nur noch seinen sicheren Bunker erreichen wollte. Nun galt es schnell die Jacke und noch wichtiger die Axt zurück zu holen. Behend glitt er durch die halb geöffnete Bunkertür ins Freie. Geblendet von der Sonne ging er zunächst vorsichtig, dann immer schneller werdend zurück zum dem Ort an dem er seine Axt vergessen hatte. Er musste sie wiederhaben, sie war wichtig, ohne sie konnte er nicht weitermachen. Da sah er gerade als er die Straße erreichte den leeren Mercedes. Die Warnblinkanlage blinkte, doch zu sehen war niemand in dem Wagen.


*2:57 Uhr, bin müde, Fortsetzung folgt und Übearbeitung folgen*

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