Samstag, Juni 21, 2008

Das Elfenmädchen

Schüchtern blickte Laurana auf ihre ledernen Elfenstiefel. Sie konnte Loracs Blick nicht lange standhalten, dass konnte sie nie. Doch nun war es anders, er hatte sie gebeten etwas für ihn zu tun. Etwas verbotenes, etwas dass sie nicht tun wollte, doch so sehr es ihr widerstrebte, so sehr liebte sie den jungen gut aussehenden Elfen.

„Nun, ich weiß, es ist viel um das ich dich bitte.“, begann Lorac, „Doch ich kenne niemanden sonst der es tun könnte und ich liebe sie doch so sehr. Bitte Laurana, sieh mich an!“

Kurz blickte sie auf und sah in seine gehetzten mandelförmigen Elfenaugen. Gestern hatte der Rat beschlossen Lorac, den Sohn des Elfenlord von Qualinesti, mit Alice einer Prinzessin der Silvanesti zu verheiraten. Heute Mittag sollte eine Gesandtschaft mit einem Brief von Loracs Vater zu den Silvanesti aufbrechen und Alice den Hof machen.

Doch Lorac liebte eine andere, wie sehr hätte Laurana sich danach gesehnt das sie diese andere wäre, doch es war Kersin der Lorac sein Herz geschenkt hatte. Deshalb sollte Laurana nun den Brief von Loracs Vater durch einen Brief von Lorac an Alice austauschen. Dieser Brief enthalte so viele Beleidigungen, meinte Lorac, das es Alice unmöglich sein werde ihn zu heiraten. Laurana hätte liebend gerne den Brief von Loracs Vater an Alice zerrissen und mit Drachen gekämpft, nur um zu verhindern das ihr geliebter Lorac eine andere heiratet. Doch sie wusste, sie würde es nur tun um Lorac an eine andere Frau zu verlieren und das macht es ihr so entsetzlich schwer. Jetzt da sie in die traurigen braunen Augen Loracs sah, schien sie die Kontrolle zu verlieren. Ihr Magen zog sich schmerzvoll zusammen, ihr Herz begann zu rasen und sie spürte die ganze Macht der Liebe zu ihm die auf sie einstürzte.

„Also gut, gib mir den Brief, ich tue es! Für… dich…“

Sie riss ihm den Brief aus der Hand und drehte sich so schnell um, dass sie beinahe das Gleichgewicht verloren hätte. Doch das war ihr egal, auf keinen Fall durfte er ihre Tränen sehen, die jetzt immer schneller aus ihren Augen rannten.

„Danke, Laurana. Ich möchte…“ Er wollte seiner Dankbarkeit mehr Ausdruck verleihen und sie in den Arm nehmen. Doch bei der ersten Berührung hatte sie sich in Bewegung gesetzt und war in den Wald gelaufen. Jetzt stand Lorac alleine auf der Lichtung die von mächtigen Vallenholzbäumen umschlossen war. Laurana hatte ihm wieder Hoffnung geschenkt und so begannen seine Augen ein wenig mehr zu strahlen. „Eine gute Freundin.“, murmelte er und wandte sich ab um in Richtung Qualinost zu gehen.

Laurana rannte zwischen den mächtigen Vallenholzbäumen in Richtung der Ostgrenze des Qualinestireichs. Mit der Anmut einer Katze und der Geschwindigkeit die jedem Wolf getrotzt hätte rannte sie. Sprang über Bäche, duckte sich behänd unter sterbenden Bäumen die bereits umgefallen waren. Sie rannte immer weiter. Erst als ihre Lungen so entsetzlich brannten als würde sie Feuer atmen und als ihre Tränen nicht mehr als trockene Salzflüsse auf ihren Wangen waren, gestattete Laurana sich dass Tempo zu reduzieren. Sie verfiel in einen weniger katzenartigen dafür aber ausdauernden Lauf.

Sie hatte Loracs Gefallen erledigt, doch gerade als sie das Nachtlager der Gesandtschaft verlassen wollte, war etwas schief gelaufen. Sie hatte nur kurz ihre Konzentration verloren, als sie eines der Geschenke aus dem Augenwinkel bewundert hatte, dass für Alice bestimmt war. Deshalb und wegen des Schmerzes, den die Erinnerung an Lorac in diesem Moment über sie brachte, hatte sie den Ast nicht bemerkt der sich drohend unter ihren Füßen bog. Im letzten Moment hatte sie noch versucht ihr Gewicht zu verlagern damit der Ast nicht brechen würde. Doch es war zu spät. Mit einem scheinbar endlos langen Krächzen brach der Ast. Sofort war die Wache vom Feuer aufgesprungen und bewegte sich drohend schnell in Lauranas Richtung. In einem kurzen Kampf hatte Laurana sich zwar befreien können und war geflohen, doch die Wache hatte sie erkannt. Vorwurfsvoll hatte er ihr nachgerufen und sie gebeten stehen zu bleiben. Doch sie wusste es würde keinen Unterschied machen. Sobald der Brief in Silvanesti angekommen war, würde man verstehen was sie beim Lager getan hatte. Und man würde sie und ihre Familie entehrt in die Verbannung schicken. Lorac hingegen, als einziger Sohn des Elfenlords, käme ungeschoren davon.

Damit ist mein Schicksal besiegelt. Ich kann nie wieder zurück nach Qualinost.

Lauranas Gedanken kreisten wie in einem Wirbel um Lorac, ihre Familie und all die anderen die sie nun hinter sich lassen musste. Sie verschärfte ihre Geschwindigkeit erneut um den Schmerz ihrer Seele mit den qualvollen Schmerzen ihres Körpers zu übertönen. So erreichte sie im Morgengrauen die Grenze des Qualinesti Reiches. Sie trieb ihren völlig erschöpften Körper jedoch immer weiter ohne auf die warnenden Signale in ihrer Brust zu achten, das Pfeifen bei jedem Atemzug ignorierend rannte sie immer weiter. Sie hatte bereits jedes Gefühl für Zeit und Schmerz verloren, als gegen Nachmittag ihr katzenhafter Körper seinen Dienst versagte und sie in eine tiefe Schwärze fiel. Sie empfand nichts mehr, als ihr Körper unter einem Ginsterbusch zum erliegen kam. Sie fiel einfach in ein tiefes schwarzes Nichts hinein, ohne Gedanken, ohne Gefühle, ohne Bewusstsein.

„Gnarr volk uter holen.“ „Ratznargar!! Ratznagar!!“ Ein wildes kreischendes Stimmengewirr zog ihr Bewusstsein aus der Tiefe des Nichts in das sie gefallen war. Ein bohrender Schmerz an ihren Beinen und ihren Handgelenken zog an ihr. Immer weiter hinauf aus dem Nichts, tauchte sie vorbei an Schatten des Schmerzes bis sie das Bewusstsein wieder erlangt hatte.

Wo bin ich? Was ist geschehen?

Sie erkannte ihre Lage so schnell, dass sie drohte wieder das Bewusstsein zu verlieren. So hart traf sie der Schock der Erkenntnis. Ihre Hände und Beine waren gefesselt, sie lag etwas abseits unter einer mächtigen Eiche und starrte voller Entsetzen auf ein Gruppe Goblins die um ein kleines Feuer herum saßen. Einer der Goblins brabbelte in der kreischenden Goblinsprache auf die anderen ein. Die anderen Goblins starrten gebannt auf den Erzähler und schienen völlig gefesselt von seinem Imponiergehabe.

Wahrscheinlich erzählt er ihnen gerade wie schwierig es war mich gefangen zu nehmen. Ich muss hier weg, wer weiß was sie mit mir anstellen, wenn sie entdecken dass ich wach bin.

Lauranas Hände waren ihr auf dem Rücken zusammengebunden, vorsichtig versuchte sie eine der vielen Geheimtaschen an ihrem Lederwams zu erreichen. Nach und nach kam sie immer näher an die Tasche heran. Gerade als sie das kleine Messer zwischen ihre Fingerspitzen bekam deutete einer der Goblins auf Laurana. Er hatte ihre Bewegung bemerkt und sprang nun voller Freude über die gemachte Entdeckung den Erzähler an. Dieser kam ins straucheln und sie vielen rücklings auf das kleine Feuer.

Jetzt oder nie! Komm schon.

Mit einem geschickten Fingertanz bewegte Laurana das Messer zwischen ihre Hände und Schnitt das dünne aber feste lederne Seil durch. Gerade als sie ihre Füße von dem anderen Seil befreit hatte bemerkten die Goblins das ihr Paket begann sich zu bewegen.

„Tschutzlut! Tschutzlut! Temap gnarr, holen Ektze!“

„Mollog!“ „Molloooog!“

Die Goblins hatten ihre kleinen Schwerter gezogen und stürzten sich auf die Stelle wo Laurana noch vor ein paar Sekunden gelegen hatte. Sie sprang mit einem elfischen Kampfschrei auf und machte einen großen Satz zur Seite. Angestrengt suchte sie mit ihren scharfen Elfenaugen den Platz ab, sie wollte auf keinen Fall ohne ihren Dolch verschwinden. Sie erspähte ihn direkt neben dem kleinen mittlerweile verwüsteten Feuer und rannte auf ihn zu. Die Goblins, die sich durch den unerwarteten Schrei Lauranas zunächst etwas erschrocken hinter die dicke Eiche geflüchtet hatten kamen nun entschlossen um dieselbe herum und stürmten mit wildem Geschrei auf Laurana zu. Gerade als sie ihren Dolch in Händen hielt bemerkte sie wie die fünf Goblins im Halbkreis auf sie zu stürmten.

Laurana wich dem ersten Schwert des Goblins der direkt auf sie zulief aus, stach mit hoher Geschwindigkeit in die Brust des kleinen grünen Goblins und streckte ihn nieder. Sie packte den kreischenden sterbenden Goblin und presste ihn von sich weg nach links in Richtung zwei weiterer anstürmender Goblins. Die drei Goblins prallten zusammen und gaben Laurana genug Zeit sich nach vorne zu bewegen um den beiden Goblins die von ihrer Rechten her angriffen auszuweichen. So gleich setzte sie zu einem Sprint an und erreichte mit wenigen Schritten die Eiche. Auf der anderen Seite der Eiche angekommen zog sie sich den Baum hinauf. Während das wilde und wütende Gekreische der Goblins immer näher kam konzentrierte sich Laurana darauf mit den Schatten zu verschmelzen. Ihr Geist wurde ruhig und ihre Atmung nahm, trotz des Adrenalins und der schmerzhaften kleinen Krämpfe die sie in ihrem ganzen Körper verspürte, einen ruhigen fast merklosen Rhythmus an. Die wohlbekannte Kälte begann langsam ihren Körper von innen her zu durchströmen, dabei begann ihr Geist die Formen der sie umgebenden Schatten zu verinnerlichen. Gerade als die Goblins um den Baum herum streiften war sie völlig mit den Schatten verschmolzen. Die Goblins hatten wohl nie wirklich gedacht, sie würde sich direkt hinter der Eiche verstecken, so stürmten sie mit wütendem Gekreische weiter in den Wald hinein.

Das war knapp. Diese dümmlichen Goblins sind wirklich schlimmer als ich sie mir vorgestellt hatte. Ich werde Lorac…Laurana brach den Gedanken ab, sofort war die Erinnerung an die letzten Tage zurückgekehrt. Loracs Bitte, die Suche nach der Gesandtschaft die auf dem Weg nach Silvanest war, die Flucht aus dem Elfenreich und all der Schmerz der ihr die letzten Tage auf der Seele lag.

Dummes Elfenmädchen, reiß dich zusammen! Wenn du weiter so verbittert durch die Welt ziehst wirst du noch in einem Kochtopf für Trolle enden! Ich muss hier erstmal weg und dann sehen wir weiter.

Laurana wartete noch einige Minuten auf der Eiche ab, bis sie die Goblins kaum noch hören konnte. Dann schwang sie sich behänd vom dem mächtigen alten Baum und lief weiter Richtung Osten. Laurana gönnte sich nie mehr als vier bis fünf Stunden Rast und schlief kaum, denn zu groß war ihre Angst hier mitten in der Wildnis ein weiteres Mal auf Goblins zu treffen. So kam sie völlig entkräftet und ausgehungert an einem nebligen Vormittag an das Ende des großen Waldes. Die Sonne war noch nicht völlig durch den Nebel gedrungen der die saftigen grünen Täler umschlossen hielt. Doch sie konnte das Dorf und den Rauch der aus vereinzelten Schornsteinen stieg bereits sehen. Hoffnungsvoll wanderte sie auf das Dorf zu.

Dienstag, Juni 17, 2008

The last Dawn

Ein schroffer Wind blies den von Rotbuchen geäumten Hügel hinunter ins Tal. Die Abendsonne sank ein Stück tiefer und Charles öffnete die Augen. Er musste eingeschlafen sein, zu bequem war sein Schaukelstuhl. Der feine Staub der sich auf der Veranda gesammelt hatte tanzte in Kreisen davon, als der Wind die Veranda, das alte viktorianische Haus und Charles Hut erfasste. Mit einer schnellen Handbewegung griff Charles schneller zum Hut als der Wind in der Lage gewesen wäre dem alten Mann denselben zu stehlen.

Charles stand von seinem alten mit Decken zur Gemütlichkeit verdammten Schaukelstuhl auf und öffnete das Fliegengitter zum Hauseingang.

„Oh Danny, was schaust du denn so betrübt aus? Hab ich etwa das Abendessen schon wieder verpasst? Sag mir doch, wo ist deine Mutter? Kate ?“

Gerade wollte Charles sich an seinem Enkel Danny vorbei in den mit heller Fichte verkleideten Flur des alten Hauses drängen. Doch der blonde 23 jährige, dessen breite Schultern begannen Charles zu überragen ließ, ihn nicht vorbei.

„Großvater. Das essen ist noch nicht fertig, Mutter ruft uns! Setzen wir uns noch einen Moment auf die Veranda. Wir müssen reden!“

Erstaunt über die Ruhe und Kraft in der Stimme von Danny wandte sich der alte Mann um und ging ohne ein weiteres Wort zurück auf die Veranda, setzte sich in seinen Schaukelstuhl, griff nach seinem Tabaksbeutel und sah Danny nachdenklich an. Danny blickte sich auf der Veranda um als wäre dieser Ort etwas Neues für ihn.

„Nun Danny. Warum hast du deinen alten Großvater wieder in die Kälte des Herbstwindes gejagt?“

Danny nahm sich einen Stuhl von einem großen alten Eichentisch vor der Veranda und setzte sich neben Charles auf die Veranda. Erst jetzt bemerkte Danny die innere Anspannung, die Hitze die immer noch in seinem Kopf widerhallte und die weichen Knie, die so typisch waren, nach einer Nacht im Web.

„Großvater. Ich muss wissen wie es damals im großen Krieg war, du weißt schon 2009, als das erste Web plötzlich ausgeschaltet wurde. Ich glaube das.. Nun, das ich etwas nicht richtig verstehe. Wie habt ihr ohne das Web weiter gemacht? Womit habt ihr damals kommuniziert?“

Charles Miene hatte sich bei der Erwähnung des Jahres 2009 so stark verdunkelt als wolle er das letzte Licht des Tages in sich hineinsaugen. Er schaute von Danny herab auf seine Hände und drehte die Zigarette zu Ende. Langsam und bedächtig, seine Miene langsam wieder befriedend, steckte er sich die Zigarette mit seinem alten Benzinfeuerzeug an.

„Nun. Du hast sicher deine Gründe für diese Frage und ich will sie nicht wissen.“

Charles gebot Danny mit einer wedelnden Handbewegung ruhig zu sein, bevor dieser auch nur den Laut einer Rechtfertigung hervorbringen konnte. Dabei legte sich der Rauch seiner Zigarette wie eine Schlange um seinen Arm und kroch langsam dem Boden entgegen. Dann begann er zu erzählen.

„Es war damals, in der kältesten Phase der globalen Erwärmung. ….