Montag, April 06, 2009

Beweise

Sebastian saß im Zimmer des Direktor seiner ehemaligen Schule. Der 20 jährige vor saß dem großen Schreibtisch und starrte auf die abgesägte Schrotflinte vor ihm. "Sebastian, ich weiß wirklich nicht warum du mit dieser Waffe hier erschienen bist. Was ist denn bloß los mit dir mein Junge ? Du warst doch immer so brav in der Schule." Der Direktor saß an seinem Schreibtisch und betrachtete die Schrotflinte voller Abscheu. Sein Blick wanderte weiter, auf die zerzaußten Haare Sebastians, hinab über sein Gesicht und den schwarzen Kampfanzug entlang. "Sehen Herr Schäfer, ich bin aus einem bestimmten Grund hier. Ich hab nicht vergessen was sie damals meiner Schwester auf der Klassenfahrt angetan haben. Wir wissen beide es gibt keine Beweise, dafür haben sie gesorgt. Doch ich habe nichts vergessen." Sebastian starrte in die Augen des Direktor, seine Augen wirkten kalt und gefühllos.
Mit einem plötzlichen Ruck griff der Direktor nach der Waffe, nahezu gleichzeitig packte Sebastian nach dem Griff der Schrotflinte. Die beiden Männer rangen um die Waffe. Sebastian fingerte nach dem Abzug und gerade als seine Finger sich um den Abzug legten drückte er ab.

Das Bild des zerfetzten Schädels hatte sich in Sebastians Erinnerung eingebrannt. Es ließ ihn nicht los als er von seiner Schule hinab in die Stadt ging. Die Schrotflinte unter seine Jacke geklemmt torkelte er auf den Marktplatz seiner Schulstadt. Polizei und Feuerwehr rasten an ihm vorbei den Berg zur Schule hinauf, jemand musste den Schuss gehört haben. Sebastian fühlte sich seltsam, das Gefühl der Schuld ergriff ihn. Ein Mörder zu sein fühlt sich also wirklich beschissen an, dachte er. Plötzlich und ohne Vorwarnung ergriff ihn die Panik. Jeder Atemzug war eine Qual und seine Brust zog sich zusammen. Gefängnis, war sein einziger Gedanke. Vergewaltigungen in dreckigen Zellen, ermordet von angespitzten Löffeln. Nie wieder frei sein. Die Panik ins Gefängnis zu müssen wurde immer stärker, er dachte an die Schrotflinte unter seiner Jacke. Sie war so sehr eine Lösung für die Panik als auch ein Beweis seiner Schuld. Im Schein der Sonne erstarrte Sebastian auf dem Marktplatz.

"He sie da, kommen sie mal her !" Sebastian fuhr herum und starrte in die scharfen Augen eines Polizisten. "Die Dame da hinten hat gesagt, sie seien von der Schule herab gekommen, gleich nachdem man dort einen Schuss gehört habe. Was haben sie dazu zu sagen?", forschend sah der Polizist Sebastian an. Sebastian starrte die alte Frau an, in ein graues Kleid gehüllt blickte sie ihn mitleidig an. "Ich, äh, also ...", die Panik übernahm die Kontrolle über seinen Körper, überfiel ihn. Seine Brust zog sich noch enger zusammen und er brach vor den Augen des Polizisten zusammen. Die Schrotflinte unter seiner Jacke rutschte hervor und lag mit dem blutigen Lauf auf der Straße neben Sebastian.

Drei Stunden später saß Sebastian in einem Zimmer der Polizeidirektion. Ihm gegenüber ein Beamte, die Sonne brannte Sebastian ins Gesicht. Zwischen den beiden lag die Schrotflinte auf dem Schreibtisch, den Lauf voller Blut. Sebastian fixierte den roten Fleck auf dem Lauf der Schrotflinte. "Wir haben uns das Überwachungsvideo angesehen, Sebastian. Wir wissen wie es passiert ist. Mach dir keine Sorgen, es ist offensichtlich das du nur versucht hast den Selbstmord deines Direktors zu verhindern." Sebastian starrte verwundert in die braunen Augen des Mannes gegenüber. "Es gab eine Kamera im Büro des Direktors. Sie wurde automatisch gestartet als der Überwachungscomputer erkannte, dass zwei Personen im Raum sind. Eine Vorsichtsmaßnahme, zum Schutz vor Übergriffen durch Lehrkräfte auf Schüler. Wir haben gesehen wie du um die Waffe mit dem Direktor gerungen hast. Die Kamera war zwar so eingestellt das sie nur den Platz des Direktors gefilmt hat, doch die Bewegungen des Direktors waren eindeutig. Er hat die Waffe ja förmlich von dir weggerissen und sich dann erschossen. Der Versuch es zu verhinden war mutig von dir." Sebastian traute seinen Ohren nicht, der Polizist hatte ihm die Absolution erteilt. "Ich will jetzt nach Hause, darf ich gehen ? Das Blut, alles war so schrecklich. Ich weiß nicht wie es dazu kam." log Sebastian. "Natürlich. Ach, falls du Hilfe brauchst das zu verarbeiten, du bist hier immer willkommen. Aber ich denke es wird sich noch ein Psychologe bei dir melden. Machs gut Sebastian."
Sebastian verließ das Gebäude und schlenderte die Straße hinab. Irgendwie hatte er es geschafft, er war frei, beinahe. Nur eines lag noch zwischen ihm und der Freiheit. Die Erinnerung an das zerfetzte Gesicht seines Direktors.