Freitag, März 05, 2010

Rotkäppchen und der böse Wolf

"Sag mal Opi! Wie war das damals mit dem Rotkäppchen ?"
"Ach weißt du mein Clärchen, das war eine schlimme Sache. Sie wollte deine Großmutter besuchen und weil sie zu Fuß unterwegs war ging sie die Abkürzung durch den Wald, alleine. Du weißt ja, das durfte sie nicht. Und als sie da so alleine durch den Wald ging, da kam ein großer böser Wolf. Der packte sie am Ärmchen und schleppte sie in den Wald."
"Ist sie denn dann wiedergekommen Opi ?"
"Nein. Der Wolf hat sie gefressen."
"Oh, das ist ja schade. Schmecken Menschenkinder denn den Wölfen? Ich dachte die essen nur kleine Rehe, Hasen und diese Aasen?"
"Das heißt Aas mein Kind, nicht Aasen. Aber du hast Recht, eigentlich essen sie nur kleine Rehe und Hasen."
"Woher weiß man denn dann, dass es ein Wolf war der sie gefressen hat ? Es könnte doch auch ein Bär gewesen sein oder ein Löwe oder ein Tiger oder so."
"Ach mein Kind, es gibt aber doch hier gar keine Bären, Löwen und Tiger. Also muss es ein Wolf gewesen sein, schließlich hat man ja auch Teile ihres, naja, Körpers, in einer Wolfshöhle gefunden."
"Achso, ja, ich verstehe."
"So, es wird jetzt aber auch Zeit für dich nach Hause zu gehen. Ich geh mit dir wenn es dich gruselt."
"Ja Opi, das wäre nett."
In eine rote Jacke gehüllt ging Clara mit ihrem Opa durch den Wald. Da packte sie eine feste Hand am Arm.
-
Der Wolf schnüffelt, atmet tief, riecht faules Fleisch. Fremder Geruch, Menschengeruch, alter Mensch, junger Mensch. Steht still, lauscht, hört in den Wald hinein, Totenstille. Zwei Schritte, mehr Geruch, mehr Hunger. Funkeln im Mondschein, suchend, um sich blickend. Gier wird größer, Geifer trieft, geräuschlose Pfoten. Wittert, sucht, findet. Nur noch ein Mensch, faules Fleisch, leblos. Gieriger Hunger, umkreisend, lautlos immer näher. Rotes Jäckchen, kleine Ärmchen, totes Fleisch. Zähne blitzen, packen, zerren, schlingen....

... und weil es keine Wölfe mehr gibt, werden auch keine Kinder mehr von Wölfen gefressen.