Mittwoch, Februar 22, 2012

Ein alter Blogeintrag - Left4Dead


wave to publiclist@ariakan | Edited 1 Time.
Nähe Bonn, 11.September 2048
Hallo Freunde,

meine Geschichte beginnt in Bonn-Siegburg, in meiner Wohnung.

Als das Wecksignal des Knopfempfängers in meinem Ohr ertönte quälte ich mich aus dem Bett. So viele Erfindungen und immer noch ist das allmorgendliche Aufstehen für die meisten Menschen eine Qual. Auf dem Weg ins Bad zog ich meine VR-Brille an, die Neueste für das V-Net. Zunächst hatten die Brillen nur das Internet revolutioniert, anschließend die Gesellschaft. Die virtuelle Realität ist nun immer präsent, vom Horoskop bis zur staatlichen Drogenkontrolle. Diese Brillen sind in der Lage alle gewünschten und unerwünschten Information direkt auf die Netzhaut zu projizieren. Ihre Microcams erfassen die Umgebung und Augenbewegungen ihres Trägers. Müde hielt ich die elektrische Zahnbürste in meinen Mund. Die ersten Waves wurden auf die Netzhaut projeziert, Grillparty am Abend, Quellensichtung in der Uni, Date mit Stina. 
Was meinem Vater noch verwehrt blieb, war heute selbstverständlich. Der kostenlose Zugang ins VR-Net ist heute tief im Selbstverständnis der Menschen verwurzelt. Heute bezahlt niemand mehr um ins Netz zu kommen, eher das Gegenteil ist der Fall. Damals mussten sich die DigitalNatives noch in dunklen Kellern vor energiefressende Computer setzen, heute liegt die Quote der DigitalNatives bei über neunzig Prozent. Die sogenannten Analogen, entweder körperlich massiv benachteiligte oder spirituelle Spinner werden heute ob ihrer Offline-Mentalität oft genug diskriminiert und ausgegrenzt, meist sogar als Gefahr wahrgenommen. 
Wer heutzutage nicht im V-Net ist, sich also von der Gesellschaft abkehrt hat ein Problem, ist ein Problem. Der Wächterrat des V-Net ist so eng mit der Regierung verschmolzen, dass man ohne Connect ins V-Net kaum noch als Staatsbürger gelten kann. Den meisten Menschen ist das ziemlich recht, schließlich bietet das V-Net eine endlose Möglichkeit seinen Interessen nachzugehen und in der virtuellen Realität zu sein wer oder auch was man will. Spiele bestimmen das Leben der meisten Menschen. Sie halten sich damit fit, trainieren neue Fähigkeiten und setzen sich immer neue Ziele. Kein Vergleich mehr zu den Spielen vor 40 Jahren, wo man vor großen Kisten anspruchslos auf Maus und Tastatur gehämmert hat.
Heute startet man das Spiel und das VR integriert dank Netzhautprojektion den Content als Overlay in die Realität. Die Spiele dienen wieder dem ursprünglichen Sinn. Eine vom VR durchsetzte Gesellschaft braucht keine Polizei mehr, braucht keine Truppen mehr. Lediglich ein paar Waffenzentren und die Verpflichtung der Bürger die VR-Verbindung aufrecht zu erhalten und den Befehlen der Führung folge zu leisten. Vom Notfall bis zum Eintreffen der Hilfskräfte dauert es so oft weniger als 20 Sekunden. Gezielt kann das VR die Menschen zusammenführen und nach Fähigkeiten geordnet Hilfe zum entsprechenden Ort leiten. Selbst Notoperationen können so von Dilettanten erfolgreich durchgeführt werden.
So spielt heutzutage eigentlich jeder, je nach Begabung und Interessen konnte man somit seine geistigen und motorischen Fähigkeiten perfektionieren. In dieser Woche hatte ich allerdings kein sinnvolles Spiel ins Auge gefasst. Im Rahmen meiner Prüfungsvorbereitung an der Universität wollte ich etwas seichtes spielen. So kam es, dass ich an diesem schicksalhaften Tag Left4Dead4D in meinem Gameaccount aktivierte. 




Bonn, Innenstadt

Ich saß gerade in der Straßenbahn und las die aktuellste Wave zu einem Historikerstreit über den  2. Kaukasuskrieg. Vertieft in die Forschungsdisskusion bemerkte ich die zerlumpten Gestalten erst sehr spät. Es waren zwei und sie rannten durch die Straßenbahn direkt auf mich zu, erst als die Waves transparent wurden begriff ich die Situation. Zwei Zombies, nur Meter entfernt, stürmten auf mich zu. Ich zog die Colt Freestyle, vor Schreck schoss ich ein halbes Magazin auf die Viecher. Die Körper fielen reglos zu Boden, glücklich ausgegangen. Die Waves wurden wieder deutlicher auf mein Auge projeziert und ich studierte weiter.
In der Universität angekommen begab ich mich zur Seminarsbibliothek. Verärgert über mein Erscheinen gab mir die Aufsicht nur einen kurzen Blick auf meinen freundlich gemeinten Gruß zurück. Vermutlich hatte ich ihn bei einem Film gestört. Mein Vater hatte noch lachend davon erzählt wie die Aufsichten in der Universität die Bild-Zeitung gelesen hatten, heute las kaum noch jemand. Das lesen war eine von vielen als elitär angesehene Beschäftigung für Intellektuelle und einige der Analogen, die breite Masse bevorzugte Audio-Visuelle interaktion oder die direkte Informationsübertragung über einen Neuralconnector. Als Student für Geschichte blieb mir jedoch keine Wahl als zu lesen. So konservativ die meisten Unis auch waren, nahezu alle hatten ihre Archive mittlerweile digitalisiert. Einzig die Uni Bonn war dazu nicht imstande, restriktive Richtlinien die man der Uni auferlegt hatte verhinderten den Fortschritt meiner alma mater. Die Uni Bonn sollte eine der analogen Unis bleiben, damit im Fall der Fälle ein analoges Backup über das Wissen Deutschlands vorhanden war. Schließlich könne das Internet ausfallen, analoge Stümper und ihre Gesetze. So war ich gezwungen regelmässig physikalisch in die Uni zu fahren um einige der Bücher in die Hand zu nehmen. Der Digiscan meiner VR-Brille erledigte dann den Rest, rückständiges Bonn. 
Das Scharren bemerkte ich lange bevor das Vieh durch die Tür brach, mein Skill war noch nicht richtig eingestellt, entsprechend leicht fiel es mir den Zombie unschädlich zu machen als er in die Bibliothek stürmte. Ein gezielter Kopfschuss und das Vieh lag tot auf dem Boden. Danach widmete ich mich wieder der Arbeit und scannte Bücher. Es dauerte eine ganze Weile bis ich die 400 Seiten durchgearbeitet hatte und mich einer pochenden Wave widmen konnte. Ich wusste sie würde von Stina sein, würde eine Bitte enthalten, würde mich wütend machen. 
"Ariakan, wie oft muss ich dir das noch erklären? Wenn du meine MP3-Sammlung benutzt, dann codiere sie danach wieder! Du weißt genau wie ich es hasse, wenn ich nach Hause komme und meine Speicher sind für jedermann offen zugänglich! Das verletzt meine Privatsphäre, lern das endlich mal! Ich muss heute Nachmittag noch weg, wir können ja später mal schaun..."
Noch vor 6 Monaten hatte Stina keine Ahnung von MP3s gehabt, heute betrachtete sie dieses alte Format als ihren persönlichen Besitz. Mittlerweile waren die modernen Musikformate von Werbung durchsetzt. Ihre Qualität nahm nach wenigen Wochen ab sofern man nicht einen der teuren Premiumverträge mit EMI abgeschlossen hatte. MP3s waren heutzutage verboten, doch es gab immer noch Lücken im V-Net mittels derer man ins alte Internet gelangen konnte. Hier war die Freiheit der Information die noch zu Beginn des Jahrhunderts vorgeherrscht hatte konserviert. Eine völlig freie Welt, in der es jedem möglich war die Kultur dieser vergangen Zeit zu durchstöbern. Ich hatte Stina erst darauf gebracht das es so etwas wie das Internet und MP3s gab, sie hatte keine Ahnung gehabt. Heute basiert unsere Beziehung auf dem gemeinsamen Konsum dieser alten Kulturleistungen.
Gerade als ich meine Antwort in die Wave getippt hatte hörte ich Schritte auf dem Flur vor dem Archiv. Ich zog meine virtuelle Colt Freestyle und aktivierte die GUI zur besseren Zielauffassung. Es klopfte, Zombies die klopfen? Ich senkte meine Arme, ging langsam zur Tür. Wer konnte das nur sein? Um diese Zeit ist das Seminar immer leer. Ich öffnete die Tür, da stand ein kleines Mädchen vor mir und starrte mich an. 
"Was willst du denn hier kleines ?" 
"Mich verstecken."
"Verstecken? In einem Archiv? Vor wem denn?"
"Vor den toten Männern."
Erst jetzt erkannte ich das es eine Virtuelle war. Der Skill wurde offenbar angepasst. 
"Na gut, komm herein und setz dich da auf den Stuhl.
Die Virtuelle setzte sich hin, gleich danach erschienen große Terassenfenster an den Wänden. Es war klar, dass die Zombies die neuen Eingangsmöglichkeiten nutzen würden. Also bezog ich eine Stellung in der Ecke gleich neben der Tür und wartete. Um sich blickend erstarrte das Mädchen als es die ersten Zombies durch die Fenster brechen sah. Die ersten Kugeln hagelten auf sie nieder. Der Raum füllte sich immer weiter mit Zombies, was für ein Spaß. Schießen, nachladen und wieder schießen. 
Gerade als ich das Gefühl hatte sie würde mich überrennen lösten sich die restlichen Zombies auf, das Mädchen auf dem Stuhl verschwand und ein roter Pfeil signalisierte mir den Raum zu verlassen. Ausgerechnet jetzt, eine Aufforderung des Zivilschutz. Irgendwo in unmittelbarer Nähe war etwas geschehn oder geschah immer noch, dass die Aufmerksamkeit der Bürger erforderte. Der Zivilschutz hatte oberste Priorität im V-Net, mir blieb nichts übrig als dem Richtungssignal zu folgen. 
"Übergriff auf Zivilperson. Alle verfügbaren Bürger sofort zum Standort." 
Ich traf als zweiter ein, die Aufsicht in der Bibliothek war bereits vor Ort. Ihr wurde durch das V-Net gerade detailliert erklärt welche erste Hilfe er zu leisten hatte. Vor mir lag eine Frau, bewusstlos mit einer blutigen Kopfwunde. 
"Bürger Ariakan. Sichern sie den Bereich. Warten sie bis eine Medizineinheit eintrifft."
Im virtuellen Sichtfeld begannen rote Pfeile aufzutauchen. So etwas hatte ich noch nicht gesehen. 
"Militärische Übernahme. Authorisierung 24553@notverordnung.ariakan.de. Begeben sie sich umgehend zum Verteilungspunkt 4815162342 zur Waffenaufnahme. Aufstandswarnung. Aufstandswarnung. "
Verwirrt ließ ich den Mann und die Frau zurück. Ich rannte die Straße am Seminar zum Rheinufer hinab.  Der Waffenbereitstellungspunkt lag etwa 200 Meter südlich. Schon von weitem konnte ich sehen, wie sechs weitere Bürger zum Bereitstellungspunkt liefen.

Bonn, unterhalb des Alten Zolls

Waffenbereitstellungspunkt 4815162342, Ausgabe G33 und Munition. Einstellung der Waffe auf tödlich. DNA-Verifizierung des Bürgers Ariakan. DNA korrekt. Waffen sind freigeschaltet, bitte vorsichtig handeln. Setzen sie ihre VR-Brillen nicht mehr ab. Gefahrenstufe hoch. 
Auftrag ist die Sicherung der Rheinstraße nach Norden. Jedes vordringen nach Süden durch Zielpersonen ist auch unter Einsatz von Waffengewalt zu verhindern.
Bürger Ariakan, Sicherung des rückwertigen Raums. Zielkorridore beachten. 
Das System teilte mich und die sechs anderen in zwei Gruppen ein. Mit einem weiteren sollte ich den rückwärtigen Raum sichern und damit die Flanke der Hauptgruppe schützen. Durch das Adrenalin wurde mir leicht schwindelig. Noch nie hatte ich eine echte Waffe in der Hand gehalten, ich war aufgeregt.
Die ersten Schüsse fielen bei der zweiten Gruppe. Grunzende Rufe und verzweifelte Schreie kündigten eine Welle der vermeintlichen Aufständischen an. Verwirrt durch die Geräusche bemerkte ich zu spät das einige in meinen Zielkorridor eindrangen. Sie sahen aus wie die Zombies aus dem Spiel. Verdammt, wie konnte das überhaupt sein? Der Bürger neben mir feuerte eine gezielte Salve auf sie ab und sie brachen auf der Straße zusammen. Ich dachte noch es wäre eine Störung des V-Net. Doch als ich sah wie die Kugeln aus der Waffe die Wesen zerfetzten war es mir klar. Dies alles war kein Spiel, es war bitterer ernst. Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Wer waren diese Wesen? Woher kamen sie? Mir kam das alles ziemlich absurd vor.
"Bürger Ariakan, Aufklärungsmission zur Sichtung des nördlichen Parameters. Seien sie vorsichtig."
Mir wurden Zielkoordinaten für die Aufklärungsmission angezeigt. Langsam bewegte ich mich nördlich in Richtung der Kennedybrücke. Immer den Anweisungen aus dem V-Net folgend, ängstlich und zögernd. Hinter einem Lastwagen brachen zwei der Wesen hervor. Zwei schnelle Salven und die Körper der beiden Wesen brachen vor mir zusammen. 
"Gut gemacht Bürger Ariakan. Stellen sie sicher ob die Kennedybrücke noch befahrbar ist. Schwere Einheiten bewegen sich von Siegburg aus auf Bonn zu, sie werden sie unterstützen."
Ich glaube nicht, dass mir damals schon bewusst war was geschah. Auch glaube ich, dass ich keine andere Wahl hatte. Nachdem ich meine ersten realen Schüsse abgegeben hatte viel die Anspannung ab. Die Waffe lies mich eine Stärke empfinden die ich bis dahin nicht gekannt hatte. Durch viele Spiele gut trainiert war ich auf das schiessen vorbereitet. Die Angst fiel langsam von mir ab. Einige der Wesen waren hier und da aufgetaucht, jetzt sind sie alle tot.
Nachdem die Brücke gesichert war, gab mir der militärische Zivilschutz Befehl die Brücke zu halten. Gerade als mir die Munition auszugehen drohte hörte ich hinter mir die ersten Panzer anrücken. Man hätte meinen müssen ein Krieg sei ausgebrochen, soviel Militär hatte es seit den Paraden nach den Kaukasuskriegen nicht mehr gegeben. Es war kein Spiel. Gerade als die ersten Fahrzeuge auf der Bonner Seite der Brücke angekommen waren, erschütterte eine riesige Explosion die Umgebung. Die Brücke fiel in sich zusammen und riss die Fahrzeuge und ihre Besatzungen hinab in Rhein. Von der Druckwelle zurückgeworfen, blieb ich unterhalb der Brücke liegen. Ich konnte die grunzenden Geräusche der Wesen hören. Sehen konnte ich sie nicht, meine VR-Brille war bei dem Sturz verloren gegangen. Als die Wesen sich näherten verlor ich das Bewusstsein.

Irgendwo im Raum Bonn, ein Kellergewölbe.

Ich erwachte in Dunkelheit, meine Hände und Beine waren an das Bett gefesselt in dem ich lag. Schmerzhafte Wunden waren verteilt an meinem ganzen Körper zu spüren. Wer auch immer mich hier eingesperrt hat will auf keinen Fall das man mich findet. Man hat jede Form von Bioelektronik an mir entfernt. Mein Kopf dröhnte vor Schmerzen als ich wach wurde. Der Kopfschmerz war eine Folge des Mangels an neuralen Signalen die aus den Implantaten in mein Gehirn dringen sollten. Ein dunkler Raum, lediglich ein schmaler Lichtschein am Boden ließ eine Tür vermuten.
Die Tür öffnete sich und ein hagerer Mann mittleren Alters betrat das Zimmer, schaltete das Licht an und sah mich an. Der Kopfschmerz explodierte als das Licht meine empfindlichen Augen traf. 
"Tut ganz schön weh das Licht, ne? Ist schon echt Scheiße, vor allem ohne VR-Brille."
"Wa zu Tefl hat ir mit mir gmat?" - Die Worte kamen völlig verstümmelt aus meinem Mund. Da wurde es mir schlagartig bewusst. Die Zombies waren keine Zombies, sondern digital natives die schon viel zu lange nicht mehr richtig gesprochen hatten. Mein eigenes Sprachvermögen war ohne Betonungshilfe ebenfalls ziemlich degeneriert. Es hatte sich wie das irre Gestammel eines Verrückten angehört. Panisch riß ich an den Riemen die mich an das Bett fixierten. 
"Beruhig dich erstmal! Wir werden dir schon noch alles im Detail erklären. Für heute muss es reichen wenn ich dir sage, dass du befreit wurdest. Du gehörst zu denjenigen die als erste wieder eine analoges Leben führen dürfen. Dufte, ne? Ich kann mir denken, dass du das nicht so Klasse findest. Aber warte erstmal ab, du gewöhnst dich noch daran." 
Er gab mir eine VR13 eine sehr alte VR-Brille .
"Hier, damit kannst du dich in unser lokales Netz hängen. Schreib erstmal ne Abschiedsnachricht an deine Kollegen ausm V-Net. Am besten du schreibst ihnen, was dir passiert ist. Wirst dir schon was einfallen lassn."


Nachdem ich nun Zeugnis dafür abgelegt habe was mir in den letzten 24 Stunden geschehen ist, will ich hiermit enden. Ich wünsche euch allen mehr Glück als mir. Das V-Net werde ich wohl nie wieder sehen, ich bin ein Gefangener. 


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