Mittwoch, Februar 29, 2012

Mensch ärgere dich nicht, eile mit Weile!

Indische Arbeitskollegen, kennt das wer? Einfach großartig, oder? Also entgegen einiger bayrischer Innenminister bin ich ja strikt für die sog. "Multikulti-Gesellschaft". Denn sie bereichert mein Leben. Klar, es ist auch angenehm hinterm Maschendrahtzaun mit Karl, Willhelm und Friedrich eine Runde "Mensch ärgere dich nicht" zu spielen, aber seien wir ehrlich. Wer hält das länger als zwei Weltkriege, endlose Literaturzensuren und ständige Bundespräsidentenrücktritte aus? Ich wohl nicht sehr lange, bin wohl kein guter Deutscher in deren Augen. Aber naja, lieber ein guter Mensch als ein guter Deutscher. Doch beginnen wir diesen kleinen Eintrag von vorne.
Wir gingen in der Mittagspause gerade vom Edeka zurück zum Institut als wir über die Mentalität verschiedener Kulturen zum Thema Glücksspiel sprachen. "In india gambling(das Glücks-/Spiel spielen um Geld) is forbidden from society. We don't have casinos and stuff like that." Ganz im Gegenzug zu Deutschland, hier gibt es zwar Gesetze zum Schutz von Spielsüchtigen, aber die Norm ist ja nicht süchtig,  das ist sie niemals. Doch wehe dem der sagt, man habe vor ein ganzes Jahr keinen Alkohol zu trinken, dann drehen se alle durch. Naja, egal. Ich war dann aber doch neugierig, denn ich kannte keine indischen Spiele und wollte wissen was sie mit ihren Kindern spielen. Und dann erklärte er mir ein Spiel dessen Regeln mich sehr stark an "Mensch ärgere dich nicht." erinnerten. Wir haben dann versucht zu klären wer denn nun das Spiel ursprünglich entdeckt hat und mein freundlicher Kollege erzählte mir dann folgende Geschichte.
Vor langer Zeit lebten einmal zwei Brüder, die teilten sich das Königreich ihre Vaters. Sie spielten zusammen mit ihren Kindern Chausar oder Pachisi. Durch ihren königlichen Ehrgeiz angestachelt setzten sie immer höhere Einsätze auf den Ausgang des Spieles und am Ende verspielte einer der Könige sogar seine Frau, die Königin. Dann kam es zu einem furchtbaren Krieg zwischen den beiden Königen und viele Menschen starben. Seither ist das Spielen um Einsätze verboten. 
Ich finde es sehr beeindruckend wie das Spiel, das Teil dieser uralten indischen Mythologie bis heute zwar immer noch gespielt wird, doch von den Indern so gut wie nie um Geld gespielt wird. In Deutschland ist man da ja etwas lockerer zu Gange. Meine Neugier war jedenfalls geweckt und so habe ich mich mal etwas über "Mensch ärgere dich nicht" schlau gelesen. Hier die Fakten:

Der Geschichte von "Mensch ärgere dich nicht" lässt sich bis ca. 60 v.Chr. nach Korea zurückverfolgen. Dort spielt man heute noch das ursprüngliche Spiel mit dem Namen Yut. Seine Beliebtheit trug das Spiel dann bis nach Indien, wo es unter dem Namen Chaupar und später als Pachisi(600 n. Chr.) bekannt wurde. Eine erste Erwähnung des Spiels im europäischen Kulturkreis findet sich in Thomas Hyde, De Ludis Orientalibus aus dem Jahr 1694. Im Jahr 1864 wurde eine europäische Adaption von Pachise mit dem Namen Patchesi veröffentlicht. 1896 folgte dann eine kindgerechte Version mit dem Titel "Ludo", die bis heute vertrieben wird. Eben dieses Ludo war es, dass der Gründer der "Schmidt Spiele", Josef Friedrich Schmidt, in den Wintermonaten 1907/1908 in seiner Werkstatt in München erfand. Doch schien das Spiel zu Beginn ein Flop zu werden. Erst durch den 1. Weltkrieg und die große Langeweile in deutschen Lazaretten wurde das Spiel ein Erfolg. Schmidt schickte 3000 Spiele(die vermutlich nicht verkaufbar waren) an deutsche Lazarette. Durch die aufkommende Mundpropaganda schaffte Schmidt es dann bis 1920, das Spiel rund eine Million mal zu einem Preis von 35 Pfennig das Stück zu verkaufen. Bis heute wurden rund 70 Millionen Spiele verkauft und machten "Mensch ärgere dich nicht" damit zum erfolgreichsten Gesellschaftsspiel in Deutschland.
Das Markenrecht hat übrigens zu einer Vielzahl von Varianten des Pachisi geführt. So ist beispielsweise das schweizer Spiel "Eile mit Weile" des selben Ursprungs wie "Mensch ärgere dich nicht.".
Ob ich jetzt die Illusion meines indischen Arbeitskollegen zerstöre und ihm sage, dass ein Koreaner jenes Spiel erfunden hat, welches die Mentalität Indiens nachhaltig beeinflusst hat?

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