Ariakans Blog

Dienstag, Juni 11, 2013

Flaschenpost von George

Auf dem behelfsmäßigen Tisch steht eine halbleere Flasche Suntory-Whisky. Daneben eine Notiz, geschrieben auf die Rückseite einer fleckigen Urkunde der britischen Admiralität.

Juni 2013, irgendwo im zwischen den Fluten 
Der unglückliche Entdecker dieser Nachricht möge mir vergeben. Zu meiner Zeit, an diesem Ort bin ich gefangen und lediglich die Hoffnung welche ich in diese Nachricht setze gibt mir die Kraft weiter zu leben. Mit Hoffnung übergebe ich dieses Schreiben den Fluten. Welche Reise diese Flaschenpost zurückgelegt hat weiß ich nicht, daher möge es dem Entdecker freistehen, nach Lektüre derselben, zu handeln wie ihm beliebt. Welche Ironie meinem Schicksal doch innewohnt, dass ich in der Zeit der letzten Tage hier gestrandet bin. Gleichwohl ich nicht annehme, dass sich jemand des riesigen Müllflecks jemals jemand annehmen wird, so habe ich doch den Traum. Möglicherweise gibt es ja in ein paar hundert oder tausend Jahren ein historisches Interesse an dem Müll um mich herum. Der Müll von dem ich lebe. Und darin schwimmt irgendwo diese Flaschenpost herum.  
Dezember 2013, es könnte Weihnachten sein
leider ging mir die Tinte aus, also ich meine, der Kugelschreiber war leer. Aber heute fand ich endlich einen neuen. Er wurde am Nordteil der Insel angeschwemmt und lag gleich neben einem Plakat mit der Aufschrift "No Prism". Ich weiß nicht was das bedeuten soll. Vermutlich demonstrieren einige Menschen aus den Fernen Ländern wider etwas. Davon habe ich keine Vorstellung mehr. Hier auf meiner Insel lebe ich mit den Vögeln, dem Wind und dem Meer. Nicht das ich besonders glücklich wäre, so völlig allein und gestrandet im Nirgendwo. Aber ich lebe, und dass ist doch etwas!? Frei nach Kants - Kritik der reinen Vernunft, mache ich mich frei von der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Und glauben Sie mir! Ich war nie freier als auf dieser 36km² großen Insel! Keine Technik, keine Computer, niemand der mir Gesetze macht. Niemand, außer der gewaltigen Natur! 
So sie also diese meine Flaschenpost finden. Bestellen sie den von Technik versklavten Menschen da draußen meine hochachtungsvollen Grüße! Ich lebe frei auf diesen kleinen Insel im Ozean. 

gez. George O. 

Ein älterer Herr, mit langem weißen Bart ergreift eine der leeren Suntory-Whiskey Flaschen, stopft die Nachricht hinein und wirft sie in die Brandung. Die Flasche verschwindet, taucht kurz wieder auf und wird dann von einer mächtigen Welle verschluckt. Zufrieden lächelnd steht der alte etwas verwilderte Mann an der Klippe und starrt auf das Meer hinaus. Ein Vogel setzt sich neben ihn und singt.

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