Ariakans Blog

Donnerstag, Februar 20, 2014

Der Tag an dem die Sonne starb...

Die menschliche Zivilisation war bereits seit einigen hundert Millionen Jahren verschwunden. Lediglich im großen Archiv von Axur, einer Raumstation nahe dem Jupitermond Europa gab es noch fragmentierte Aufzeichnungen von der letzten menschlichen Zivilisation die den 3. Planeten des Sonnensystems bewohnt hatte, die Erde. Es fanden sich zwar auch einige Spuren der Menschheit auf dem 4. Planeten, jedoch waren die ambitionierten Terraformingpläne der Menschheit ins Stocken geraten und schließlich eingestellt worden. Der kulturelle Zusammenbruch der menschlichen Zivilisation war so stark gewesen, dass sich die Menschheit schon nach wenigen Jahre nicht mehr in der Lage sah, die eigene Technologie zu beherrschen. Regelmäßige Gaus in den Atomkraftwerken, Chemieunfälle und letztlich auch die Unkenntnis der Bevölkerung über die Auswirkungen des global verseuchten Trinkwassers, brachten die Menschheit binnen drei Generationen in einen Zustand der Nahe an der Ausrottung war. So nahe, dass sich das intersolare Konsortium zum Erhalt der Prästellaren Lebensformen dazu gezwungen sah, den Rest der menschlichen Bevölkerung einzufangen und in einen Kryoschlaf zu versetzen, um nicht mit ansehen zu müssen wie die Menschen ausstarben.

Der Droide Fenk11 saß am Kontrollpunkt des kleinen Wartungsschiff RX-20 und kontrollierte die Außenhülle des Archiv von Axur. Fenk11 war keinesfalls einer dieser kümmerlichen Roboter die man aus der Endphase der menschlichen Zivilisation kannte. Der Droide der hier die äußere Hülle kontrollierte war von einer außerordentlichen Intelligenz, künstlich zwar, aber außerordentlich. Im Grunde hätte er den RX-20 auch über sein Kontrollinterface im Inneren der riesigen Raumstation steuern können, aber auch Droiden brauchen gelegentlich einmal frische Luft. Das war natürlich Quatsch. Droiden brauchen gar keine Luft, aber Fenk11 hatte es sich zum Hobby gemacht die Spezies zu studieren um die er sich hier, im abgelegenen Teil der Milchstraße, zu kümmern hatte. Und so imitierte er regelmäßig die Verhaltensweise der ausgestorbenen Menschen, wenigstens glaubte er, dass sich die Menschen auf diese bestimmte Art und Weise verhalten hatten. Im Archiv von Axus fanden sich einige Exabyte an Daten die er sich nach und nach durch die Speicher jagte. Dabei war er fasziniert davon wie vielseitig, wie bunt die Menschheit gewesen war. Nichtmal die Körperfarbe war bei den Menschen gleich gewesen. Für Fenk11 war das die verwirrendste Eigenschaft der Menschheit gewesen. Alle anderen Zivilisationen zu denen er bisher gereist war, sei es eine stellare oder eine prästellare Zivilisation, war in ihrem Erscheinungsbild sehr homogen gewesen. Gelegentlich hatte er Anfragen von der wissenschaftlichen Abteilung bezüglich der menschlichen DNA bekommen. Da es laut Statuten des Konsortiums jedoch verboten war, die spezifischen DNA-Ketten ohne Genehmigung zu verbreiten, hatte er bisher noch niemandem die menschliche DNA aus dem Archiv von Axur bereitgestellt. Die Politik des Konsortium war es, die Spezies in ihrem eigenen Sonnensystem wieder anzusiedeln und, sofern möglich, die kulturelle Entwicklung bis zum Sonnentod nicht zu beeinflussen. Erst wenn die Sonne einer prästellaren Spezies in den Sterbeprozess überging, begann das Konsortium die Kultur von prästellar zu stellar zu ändern. Mit gezielten technologischen, kulturellen und politischen Veränderungen hatte man so bereits mehrere hundert intelligente Spezies vor dem endgültigen Aussterben bewahrt. Das kritische an der Veränderung zu einer stellaren Spezies war allerdings der große Verlust an eigenständiger Kultur. Denn jede stellare Lebensform war den Gezeiten der Milchstraße deutlich stärker unterworfen, als die Prästellaren und so waren die unterschiedlichen Lebensformen gezwungen zusammen zu arbeiten und passten ihre Kultur bis auf wenige Ausnahmen schnell der Leitkultur der Plex an. Die Plex waren, glaubt man ihren eigenen Historikern, die viert-älteste Spezies in der Milchstraße. Sie waren es auch die Fenk11 und das Archiv von Axur nach Sol253 beordert hatten um die Menschheit vor dem Aussterben zu bewahren.

Über seine Langeweile sinnend flog Fenk11 ein paar Runden um das Archiv. Anschließend änderte er den Kurs auf  004, Ziel Erde. Da sich der Jupiter gerade in Oppositionsstellung zur Erde befand, war die Reise zur Erde für den Rx-20 nur ein Katzensprung. Der Raumgleiter war eigentlich ein ausgemusterter Recon X20, einem sogenannten Erstkontakt- und Mehrzweckraumgleiter. Ursprünglich war er dazu gebaut worden, unbemerkt auf fremden Planeten zu landen, kleinere Transporte zwischen Schiffen der Flotte des Konsortiums zu unternehmen oder als Kommandoschiff in größeren Unternehmungen die Koordination der einzelnen Kampfverbände des Konsortiums zu übernehmen. Da sich in den letzten 1000 Jahren allerdings die ergonomischen Ansprüche weiterentwickelt hatten, wurde der Recon X20 ausgemustert und einer neuen Aufgabe übergeben. In diesem Fall wurde er Fenk11 für seine Dienste im Sonnensystem Sol zugesprochen, Fenk11 nannte ihn kurzerhand Rx-20. Schnell freundete sich Fenk11 mit dem Boardcomputer des Rx-20 an, der anderen künstlichen Intelligenz im Sonnensystem. Hätte man ihn danach gefragt, so hätte Fenk11 vermutlich abgestritten auch nur jemals eine Zeile Code mit dem Rx-20 ausgetauscht zu haben, schließlich war die KI des Rx-20 Fenk11s eigener Programmierung um Jahrhunderte unterlegen und so endete auch jede einzelne Partie jedes beliebigen Spieles zu Gunsten Fenk11s. Wenn er es denn gewollt hätte. Doch Fenk11 empfand einen riesigen Spaß sich dumm zu stellen und lies den Rx-20 regelmäßig, wenn auch nicht immer gewinnen. Er amüsierte sich dann regelmäßig über die Analyseversuche des Rx-20, wenn dieser wiedermal verloren hatte.
"Wissen Sie, ich verstehe ja noch, dass sie mir mit diesem Zug den Gar aus gemacht haben. Doch meinen vorherigen Fehler kann ich nicht nachvollziehen. Ich fürchte meine Programmierung bekommt allmählich Lücken. Möglicherweise ist eines meiner Speichermodule defekt? Würde Sie sich bei Gelegenheit mal die Bänke ansehen? Meine letzte Instandsetzung ist auch schon einige Jahre her. Vielleicht sollte ich mal einen Selbsttest durchf..." 
"Blödsinn! Das war einfach nur Glück, ich hatte einfach Glück! Und mit deinen Schaltkreise ist alles in bester Ordnung. Du lagst jetzt 4 Jahre im Ölbad auf Bereitschaft, was sollte da schon passiert sein mit deinen Speicherbänken? Hinter einem Thermoxitpanzer und dem Schild des Archivs? So paranoid zu sein, kann einen krank machen!"
"Krank? Was ist das? Wissen Sie, es gibt kein Glück. Die Philosophie der Plex hat vor langer Zeit schon belegt, dass so etwas wie Glück nicht existiert. Die Existenz des Universums und alles was darin existiert, ist abhängig von einer einzigen allumfassenden Kausalkette. Alles hat seinen Grund und deshalb gibt es kein Glück. In ihren Modulen laufen immer die gleichen inneren Prozesse ab, im Rahmen der ewigen Naturgese..."
"Sei ruhig! Deine Ausführungen sind ja nicht auszuhalten heute! Ich weiß selbst, dass es kein Glück gibt! Für wie dumm hältst du mich denn eigentlich, dass du mir das Offensichtlichste auch noch erklären willst? Ich habe lediglich eine menschliche Tradition gepflegt. Sie pflegten zu sagen, Glück gehabt! Und der Begriff krank ist ein Begriff den viele prestellare Spezies nutzen, es bedeutet soviel wie eine Fehlfunktion habend. Und hör endlich auf, mich ständig in der objektiven Person anzusprechen. Wir sind sowas wie Freunde, da sollten wir auch eine personale Ansprache wählen."
"Aber seien Sie doch nicht absurd, ich bin nur die künstliche Intelligenz eines Recon X20 und keine Person." 
"Ach..."
Fenk11 wandte sich vom internen Display des Rx-20 ab, öffnete die Sichtluke und schaute mit seinen Droidenaugen hinaus auf die blaue Oberfläche des dritten Planeten. Sie hatten sie erreicht, die Heimatwelt der Menschen. Den blauen Planeten, den die Menschen Erde nannten. Der Rx-20 leitete das Landemanöver ein, umrundete die Erde einige Male und bremste bis auf wenige tausend Kilometern pro Stunde ab. Vom Planeten aus betrachtet hätte man sehen können wir ein kleiner leuchtender Punkt langsam größer wurde, sich orange verfärbte und schließlich größer werdend die Schemen des eleganten Rx-20 preisgab, der sich auf der Suche nach einem Landeplatz einem der nördlichen Kontinente näherte.

Fortsetzung folgt...

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