Ariakans Blog

Montag, Mai 12, 2014

Year 2000 Bug... - End of the world....

1999 saß man ängstlich in kleinen Nerdgruppen zusammen und debattierte über die Möglichkeit eines technologischen Supergaus, sollte das Jahr-2000 Problem nicht gelöst werden. "So viele Updates... das ist ne Scheißarbeit." Vermutlich war es dann aber doch keine so große Arbeit, denn am 02.01.2000 stellten die meisten entkaterten Menschen fest, dass sich die verdammte Welt immer noch drehte. Schade eigentlich, der Weltuntergang hätte uns viel Leid erspart. Wenigstens der Zusammenbruch des Finanzsystems zur Jahrtausendwende wäre doch schön gewesen. Der kam dann leider erst 7 Jahre später. Schade, vielleicht hätte Osama bin Laden dann vielleicht gar nicht erst Amerika angegriffen, wenn die Finanzkrise 2000 eingetreten wäre. Naja, die Welt ging eben nicht unter...

Also machten wir weiter, was wir schon 1999 taten. Wir surften durch dieses blutjunge WWW, verwendeten alle Nicknames und waren uns alle bewusst, dass man immer und überall abgehört und gehacked werden konnte. Von so ziemlich jedem mittelmäßig begabten Schimpansen. Denn wir nutzten damals noch Windows 95 oder Windows 98, was sicherheitstechnisch etwa auf dem Niveau eines dieser Kindertagebücher ist, auf dem Mutti den Ersatzschlüssel auf die Rückseite des Buches geklebt hatte. So vertrauten wir unsere innersten Gefühle und Geheimnisse in diesem digitalen Tagebuch etwas an, dass heutige Kinder gar nicht mehr kennen. Man nannte es Board oder Forum. Etwas wo man sich "registrieren" musste, mit einer "E-Mail Adresse". Damals waren diese Foren der einzige Grund warum es überhaupt Email-Adressen gab. Denn die Kommunikation mit Freunden und Gleichgesinnten lief zu 99% im Forum ab. Einer halb-öffentlichen Plattform innerhalb der man sich sicher war, anonym unterwegs zu sein und sagen zu können, was man wollte. Ohne Konsequenzen zu fürchten. Damals wurde auch der Begriff Flamewar geboren. Eine kulturelle Weiterentwicklung von sogenannten Fankrawallen zweier verfeindeter Fußballvereine. Die Besonderheit dieser Flamewars war es, dass sie gewaltfrei, weil digital, stattfanden und lediglich unter Einsatz des Intellekts der teilnehmenden Individuen geführt wurde. Vom einfach Pöbel der mit gebrochenem deutsch "Archloch" oder "huhrenson" partizipierte, hin zu dem Professor einer Universität der sich gerne selbst zitierte waren diese Flamewars ein beliebtes Hobby und beschäftigten Jahrelang die ersten Generation von digital natives. Mit brutaler Macht hackte man auf der IBM Tastatur seinen Zorn gegenüber dem Spacko auf der anderen Seite des Internets in das Forum. Das Geräusch dass diese alten Tastaturen lieferten, war einer der Gründe für die drastische Verbreitung von Computern weltweit. Alle Menschen lieben das Geräusch, welches man mit den 25kg schweren Tastaturen erzeugen konnte. Dieses Geräusch war der Ton des Geldes. Denn viele Chefs, deren digitale Intelligenz vom Alpha-Männchen Gen grundsätzlich klein gehalten wird, nahmen an, dass sich das wilde Tippend darauf bezöge, dass die Mitarbeitersklaven gerade wild arbeiteten. In Wirklichkeit machten sie sich über ihren Chef in irgendeinem Forum lustig oder verabredeten mit der Frau des Chefs ein Date in einem der zahlreichen Chatrooms.
Die Urban Legends dieser Zeit waren großartig. So sollen sich Homosexuelle Männer Online verabredet haben und dann im Reallife festgestellt haben, dass sie Kollegen sind und tagsüber im selben Streifenwagen durch einschlägige Rotlichtbezirke patrouillierten um ihre Gewaltphantasien an Homosexuellen auszuleben... All dies war möglich, denn es gab keine digitale Identität. Jeder hatte dutzende Identitäten. Einige erfanden zur Registrierung bei Foren Email-Adressen deren Passwörter sie nach Minuten bereits vergaßen. Noch heute kann man in alten Datenbanken die Massengräber vergessener Emailaccounts mit vergessenen Passwörtern sehen. Kurzum, es war eine wilde Zeit. Forenadmins waren kleine Götter, Website-Admins waren Götter und niemand wäre auf die Idee gekommen, dass man einmal mit seinem Klarnamen, also dem echten Namen aus dem Personalausweis irgendetwas in diesem Internet der Hacker und Viren treibt. Wirklich niemand... und falls doch, dann hätte man ihn ausgelacht, digital und analog.

Wie ist das heute? 15 Jahre später? Mein Gott, ist das wirklich alles schon 15 Jahre her? Heute liest man Artikel darüber, dass mittels Meta-Daten Terroristen in Pakistan von automatisierten Drohnen getötet werden. Meta-Daten die via Internet von der NSA und anderen Diensten vollautomatisiert ausgewertet werden und militärischen Entscheidungsträgern als Grundlage dienen, militärische Ziele zu bestimmen. [Link: http://www.nybooks.com/blogs/nyrblog/2014/may/10/we-kill-people-based-metadata/] o.O #wtf
Wie krank ist die Welt eigentlich geworden? Der einzige Grund warum sich die meisten Menschen damals an dieses Internet angeschlossen haben, waren Pornos, Katzenbilder und die Chance einen Menschen zu finden, den man lieben durfte. Und heute werde damit Terroristen gejagt, Regierungen wie die in Ägypten oder Lybien gestürtzt und Völker beherrscht und kontrolliert. Wie konnte all das aus Pornos, Katzen und Einsamkeit entstehen? So ganz verstehe ich es immer noch nicht. Die Begründung ist der 9/11 schon klar, aber wie hat sich unser Verhalten so transformieren lassen, dass wir statt in den Foren unserer Hobbys nun alle bei StudiVzFacebook abhängen? Statt IRC bei Twitter abhängen? Vor 15 Jahren konnte man reich damit werden, denjenigen die Trojaner vom Rechner zu entfernen, die dieses "Internet" nicht verstanden, aber doch die Pussybilder genießen wollten. Ich weiß noch wie delikat manche Gespräche darüber waren, dass man besser Plattformen wie Napster oder später Kazaa nutzen sollte, als sich auf irgendwelchen Webseiten Katzenbilder runterzuladen und sich damit schreckliche Viren einzuhandeln, die in erster Linie den PC zu Unbrauchbarkeit verlangsamten. Immer wenn man so einem Katzenliebhaber den PC gereinigt hatte und ihm anschließend eine kleine Gebrauchsanweisung für den Umgang mit dem Netz gab, bekam man 50DM - 50€ in die Hand gedrückt. Nicht zuletzt für die Verschwiegenheit bezüglich des Surfverhaltens schätze ich. Wer welche Katze mag, scheint bei den meisten Menschen etwas sehr persönliches zu sein... Wie konnten diese Menschen, die früher bereit waren viel Geld in meine Taschen zu spülen, plötzlich so mutig und völlig ohne Hilfe Plattformen wie Facebook besteigen? Plattformen die uns alle in die Armut treiben werden, wie dieser kleine Franzose hier gut erklärt.



Was geschah mit dem Internet und seinem Content nur, dass man aus den Foren verschwand und seine Zeit lieber auf debilen Plattformen wie Facebook, LachmalÜberAndere oder sonstwo verbringt? Zugegeben, ich selbst habe auch meinen Anteil an dieser Transformation. Meine YouTube-Sucht zur Zeit meines Studiums war allseits bekannt. Da haben sich einige Freunde Sorgen gemacht, weil ich "nur noch" bei YouTube abhing... ich hatte sogar mal nen YouTube-Blog... von wegen das Internet vergisst nix. Ich finde keine Spuren dieses Blogs mehr... naja, halb so wild. So wirklich beantworten kann man diese Frage wohl nicht und ich bin neugierig auf die Fragen unserer Enkel bezüglich der Freizügigkeit mit unseren Klarnamen im Netz. Naja... so wie es das Netz heute gibt, ist es tot. Der Content wird mehr und mehr zentralisiert, die Suche von neuen Menschen gestaltet sich mittels Hash-Tagspam immer schwieriger und die letzten großen Internetforen kämpfen einen harten Kampf ums Überleben. Mein Stammforum lebt seit gefühlten Ewigkeiten... ich weiß nicht genau wann es Online ging.. ich glaube 1998 oder 1999 . Jedenfalls gab es 2001 eine große Design_Revision, die die alten Beiträge gelöscht hat ... verloren für immer... das ist auch das Netz, es vergisst so schrecklich schnell Dinge wenn man kein amerikanisches Unternehmen seine Privatsphäre ausspähen lässt. Irgendwie brauchen wir eine Lösung die die Integrität der Nutzer wieder herstellt. Das sollte das oberste Ziel für die letzten 5,5 Jahre des Jahrzehnts sein, sonst gibt es 2020 kein Internet mehr, sondern nur noch ein großes digitales Gedankengefängnis.


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